Entschleunigt? Von wegen!

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Beschleunigung, um Corona die Stirn zu bieten!

Heute beginnt die zweite Woche Home-Office für mich und mein Team. Am Wochenende habe ich unzählige Postings von Menschen gelesen, die gute Tipps parat haben, wie man durch diese Zeit kommt. Der Tenor war immer vergleichbar: Seht doch mal die gute Seite dieser Krise. Man ist mit den Kids zu Hause, die ganze Familie kann entspannen und hat entschleunigt Zeit für einander. Räumt auf, putzt die Wohnung, macht den Garten oder zusammen Sport, bastelt, seid kreativ. Und ich so: What?? Ich höre nur entschleunigt!

Liebe Leserinnen und Leser unseres Agenturblocks:

Jetzt wird´s persönlich. Was für ein Bullshit! In meinem Leben kann von Entschleunigung keine Rede sein. Ich arbeite wie verrückt – von enorm wichtiger Pitchpräsentation, Beantragung von Kurzarbeit, sich täglich ändernder Liquiditätsplanung, Projektupdates, Kundenkontakt, Telefonkonferenzen bis hin zu den verbliebenen ganz normalen Kundenterminen (mit Abstand natürlich). Dazu helfe ich meiner Tochter beim Bruchrechnen, den unregelmäßigen Verben auf englisch, französische Vokabeln lernen und erkläre den Unterschied zwischen Parallel- und Reihenschaltung in Physik. Mittags schwinge ich den Kochlöffel und nachmittags puzzle ich oder verliere bei Trivial Pursuit. Dazwischen arbeite ich – irgendwie. Spät am Abend spreche ich mit Freundinnen über Facetime, damit wir uns sehen und zusammen einen Wein trinken können. Entschleunigung? Geht mir weg.

Was ich beobachte ist vielmehr Folgendes: Es tut sich eine Kluft auf zwischen Menschen, die sich keine Sorgen um ihren Job und ihr finanzielles Dasein machen müssen und denjenigen, bei denen es in dieser Hinsicht gerade lichterloh brennt. Und eine weitere Kluft zwischen Menschen, für die Home-Office zweimal am Tag Mails lesen bedeutet und denen, die weiter ihre acht Stunden arbeiten – auch mit Kids, Kochen, Spielen und Sorgen machen. Ich lese nämlich nichts von Hotelangestellten, Friseuren, Gastronomen oder Verkäufern, die zu Hause sein müssen und jetzt mal anfangen, das Leben positiv zu sehen. Diese Menschen haben massive Zukunftssorgen. Sie sind sicher eher am Limit als entschleunigt.

Bei den Selbstständigen ist das bei vielen Beratern, Kreativen, Eventmanagern, Fotografen oder Modellagenturen genauso. Emotional und finanziell am Limit. Die Belastung ist groß, die Planungen für die Zukunft unklar. Mein Leben ist im Augenblick weder entschleunigt noch komme ich zum Durchatmen. Kreative, wie wir in der Agentur, sind von Corona genauso betroffen, wie Künstler, Gastronomie, Hotels, Handwerk… Ich organisiere was das Zeug hält, damit wir als Team diese extreme Herausforderung bewältigen und überstehen.

Entspannen werde ich erst, nachdem wir die Krise gemeistert haben. Jetzt – mittendrin – laufe ich lieber auf Hochtouren, nutze jede Energie und Gehirnzelle für Lösungen, jede Minute für Arbeit. Was mir dabei gerade wirklich hilft:

• Zusammenhalten im Team und in unserer digital family team neusta
• Kunden, die neue Aufträge an den Start bringen
• Die Solidarität meiner Freundinnen
• Weißwein und Zigaretten

Was mir noch mehr helfen würde:

• Schnelle und unbürokratische (!!!!) Staatshilfen
• Planbarkeit
• Liquidität
• Noch mehr neue Aufträge
• Normalität

Mein Team und ich – wir sind alle am Start, arbeitsbereit an Küchentischen, auf Sofas und am heimischen Schreibtisch. Beschleunigt, um dem Corona-Virus die Stirn zu bieten!

Franca Reitzenstein