Gerry muss gehen …

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… und ich schreibe eine Mail.

Hintergrund:

Gerald Ehrmann war bis zum 23. Februar 2020 Torwarttrainer des 1. FC Kaiserslautern. Er prägte eine ganze Torhütergeneration: Von Roman Weidenfeller, über Tim Wiese bis hin zu Kevin Trapp. Aber der springende Punkt dieses Blogpost ist ein anderer. Es geht darum, wie man sich als Unternehmen, Verein oder auch Partei angreifbar macht und eine Krise ohne Not befördert.

Zu meiner Person

Ich bin 39 Jahre alt, in Lautern geboren und seit frühester Kindheit glühender Fan des Vereins. Wie viele FCKler hat der Verein mich ausgesucht. In der Katharinenstraße, Luftlinie 500 Meter zum Stadion, über einer Gaststätte in der damals die Spieler nach Erfolgen gerne feierten, wohnten meine Großeltern. Ich bin als kleiner Junge nachts wach geworden und bekam Angst. Mir waren grölende und betrunkene Menschen in dunklen Kneipen fremd. Aber irgendwann entzündete sich ein Feuer, das bislang kein Abstieg und keine noch so lang andauernde Krise zu löschen vermochte.

Mein Unmut bezieht sich auf folgende Pressemitteilung. Ich las sie und mir riss der Geduldsfaden. Denn diese Pressemitteilung sorgte dafür, dass die bundesweite negative Berichterstattung an Fahrt aufnahm (Bild, Spiegel, Kicker etc.), befeuerte eine Petition mit über 10.000 Unterschriften für einen Verbleib Ehrmanns und verschärfte die Diskussion in den sozialen Medien. Im beliebtesten Fan-Forum gibt es mittlerweile über 2.000 Kommentare auf 77 Unterseiten zum Thema – und diese Zahl steigt stündlich weiter an.

Sicher ist nicht alles der Pressearbeit geschuldet – aber sie hat mit der Meldung auch vor allen Dingen für eine Sache nicht gesorgt: zu deeskalieren.

Jetzt aber zum Schreiben:

Sehr geehrtes Presseteam, 

sehr geehrte neue Vereinsführung,

seit gestern überlege ich, ob ich Ihnen schreiben soll und habe mich nun dafür entschieden. Im folgenden Text finden Sie gut gemeintes Feedback eines Medienschaffenden zur aktuellen Krise.

Ich sage es gerade heraus: als ich gestern Ihre Pressemitteilung zum Ehrmann-Aus las, stockte mir der Atem. Dabei geht es mir nicht um den Vorgang der Freistellung als solchen. Mir ist bewusst, dass ich keine der handelnden Personen kenne. Ich kann mir vage die Beweggründe, die zu dieser Entscheidung geführt haben, vorstellen und vertraue auf die neue Führung. Ich zähle auf sie und darauf, dass sie sich der Tragweite ihrer Handlungen bewusst war und ist.

Aber eine solche Meldung entbehrt allem, was ich in meinen zehn Jahren als PR-Berater gelernt und in der Praxis erfahren habe. Sie können in einem Text nicht so viele Flanken aufmachen. Und es muss Ihnen auch bewusst sein, dass Äußerungen wie „Drohungen“, „Arbeitsverweigerung“ nur zusätzlich Öl ins Feuer gießen. Das versteht niemand. Und die Presse lechzt nach einer solchen Auseinandersetzung, die sich nun über den Betzenberg ergießt. Das Schlimme: Sie ist zu mindestens 50 Prozent hausgemacht.

Wir als Agentur haben in den sechs Jahren unseres Bestehens bereits diverse Krisenfälle begleitet. Und immer ist man nach einer ersten Analyse der Struktur eines Konflikts überrascht, wie viele verschiedene Farbtöne es gibt. Es gibt nie die eine richtige Verhaltensweise geschweige denn die eine Wahrheit. Dennoch empfehle ich Ihnen dringend, dass sie sich ein Krisen-Dossier zulegen. Erarbeiten Sie Szenarien, die Stakeholder einer Krise und legen Sie sich Statements bereit. Suchen Sie nach der einen Person, die im Krisenfall das Ruder übernimmt. Bei allem was zu lesen ist, kam die Trennung nicht überraschend. Nach diversen Konflikten in der Vergangenheit war die Wahrscheinlichkeit sicher gegeben, dass ein solcher Fall „Ehrmann“ eintritt. Ein entsprechend vorab erstelltes Szenario hätte Sie nicht in die jetzige Lage gebracht.

Hören Sie auf Profis. Es gibt nicht mehr die eine Deutungshoheit. Das ist klar. Aber versuchen Sie alle Interessengruppen zu bedenken. Auch den Fan, der für Stimmung in den sozialen Netzwerken sorgt. Ich kann Ihnen sagen: Es ist teilweise nicht auszuhalten, was auf den bekannten Kanälen seit Jahren los ist. Da erzähle ich Ihnen sicher auch nichts Neues. Nur: es gibt sie massenhaft – die aufrichtigen Fans, die diesem Verein bis in alle Zeit die Treue halten werden. Und Sie sind unser Pfand, sie sind unsere Chance in einer schlimmen Zeit. Und diese erreichen sie nur mit einer stringenten Kommunikation aller Verantwortlichen.

Nur der FCK.

Sebastian Adams